Verfasst von: anaidyoga | September 16, 2008

RAF, Carolin Emcke und die Stimme der Hinterbliebenen

In der kommenden Woche läuft ein Film zur Geschichte der RAF an, sinnigerweise „Der Baader Meinhof Komplex“. Ko-Drebuchautor ist Stefan Aust, jener Journalist, der mit dem gleichnamigen Buch in den 1980er Jahren einen Bestseller landete.

Wer sich den Trailer anschaut, der stellt fest: Für diesen Film kam die gesamte Schauspielelite des deutschen Films zusammen. Das Thema RAF, die Geschichte ihrer Entstehung, ihrer Terrorjahre und ihr unrühmliches „Ende“, all das ist weitläufig bekannt. Der Film wird daher nichts Neues an Erkenntnissen zu offenbaren haben. Bleibt der Blick auf die schauspielerischen Leistungen.

Immer wieder wird kritisiert, die Öffentlichkeit bekäme nur die Geschichte der RAF präsentiert, die Meinung der Täter, selten jedoch die Stimmen der Hinterbliebenen. Doch hier kann Abhilfe geschaffen werden.  Es meldet sich eine hochkarätige, journalistsche Stimme zu Wort, die für ihre Reportagen und Essays mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde: die Kriegsreporterin Carolin Emcke.

Sie ist eine der Hinterbliebenen der RAF-Terrorschneise. Sie zählte Alfred Herrhausen, den von der RAF im November 1989 ermordetenen Deutsche Bank-Vorstandssprecher, zu ihrem Freund und Patenonkel. Als es geschah, als die Bombe in der Nähe seines Wohnortes in Bad Homburg hochging, war die damals 22-jährige gerade aus ihrem Studienort London zurückgekehrt. Sie hörte die Nachricht vom Attentat auf Herrhausen, und ließ sich mit dem Taxi direkt an den Ort fahren.

Lange hat sie darüber geschwiegen. Nur einmal wird das Attentat angedeutet, in ihrem Buch „Von den Kriegen“. Es sind Briefe an ihre Freunde, in denen sie versucht zu beschreiben, wie sich der Alltag in einer Kriegs- oder Krisenregion gestaltet. Kein Name wird genannt, keine Jahreszahl und auch das Kürzel RAF fällt nicht. Wir erfahren nicht, wer es ist, den sie bei einem Attentat verloren hat.

Jetzt hat sie darüber geschrieben, und die Stunden und Tage nach dem Attentat (und ihrer – so scheint es – persönlichen Stunde Null) in einer eindrucksvollen Reportage festgehalten.

In „Stumme Gewalt“ werden die Hinterbliebenen eines Freundes, Ehemannes und Vaters in den Mittelpunkt gerückt – und deren brennenden Fragen. Doch diese Fragen blieben bis heute unbeantwortet. Ein „politisches“ Attentat, welches die Täter im Grunde unkommentiert lassen (und sich nur der üblichen Sprachschablonen, wie Emcke es nennt, bedienen) kann somit als „zweifaches Verbrechen“ gewertet werden.

Sie schreibt: „Das ist das Gewalttätigste an der Gewalt des Terrors: die Sprachlosigkeit, in der die Angehörigen der Opfer zurückgelassen werden. Ich weiß nicht, ob sich die Täter jemals überlegt haben, was es heißt, „abzutauchen“. Nicht vor der Staatsgewalt, nicht vor der Strafe, nicht vor dem Gefängnis. Sondern vor dem Gespräch, vor der Pflicht, Rede und Antwort zu stehen.“

Und sie fordert das scheinbar Unerhörte: Freiheit für die Täter – wenn sie sprechen:

„Die Täter sollen freikommen. Aber sprechen müssen sie. Wenn es dazu eines „Forums der Aufklärung“ bedürfte, dann sollten wir es einrichten. Amnestie für ein Ende des Schweigens. Freiheit für Aufklärung.“

Sicher stößt dieser Appell vielerorts auf blankes Entsetzen. Einge der Täter sitzen ein, mögen manche argumentieren, das muss genügen, das ist genug! Carolin Emcke hält mit ihrer Forderung dagegen, sie will mehr, sie will Aufklärung, die ganze Wahrheit. Auch wenn es bedeutet, dass man die Täter dafür wieder auf freien Fuss setzt.

Ihre Motive für diese Forderung sind persönlicher Natur – denn auch ihre Fragen sind noch immer nicht beantwortet, nach all den Jahren nicht. Das „Warum“ und „Wie“, „Wozu“ und „Wofür“ – die berühmten W-Fragen, die in einer Nachricht in den ersten zwei bis drei Zeilen beantwortet werden sollten.

Bislang blieben ihre Fragen an die Täter unbeantwortet. Es ist nicht abzusehen, dass sich dieser Zustand in naher Zukunft ändern könnte.

Es bleibt daher abzuwarten, was der Film in der kommenden Woche für Diskussionen aufwirft. Hoffentlich ist es nicht ein Einmal-im-Jahr-ist-“Deutscher-Herbst“-Hype. Und ich hoffe auch, Frau Emcke meldet sich zu Wort. Mag aber auch sein, dass ihr die Mühe nicht lohnt, sich auf eine Geschichte einzulassen, die schon lange steht und keine neuen Antworten zu bieten hat.

„Stumme Gewalt“ ist als Buch erschienen.


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